DEBUT CD REVIEW IN ONLINE MERKER

“…a brilliantly successful debut“ with “moving sounds”

Online Merker | Dr. Ingobert Waltenberger | 6 March 2018

Die norwegische Geigerin Eldbjørg Hemsing mit dem Perlmutt-glänzenden Ton konzertiert zwar schon seit ihrem 11. Lebensjahr. Aber erst jetzt gibt sie mit der Wiener Studioproduktion zweier Violinkonzerte mit den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Olari Elts ihren bravourös gelungenen Einstand auf Tonträgern. Einer ausgesprochenen Rarität, nämlich mit dem Violinkonzert in G-Dur, Op. 25, von Hjalmar Borgström, und dem bekannteren für David Oistrach geschriebenen Violinkonzert Nr. 1 in A-Moll von Dmitri Shostakovich.

„Das Verschwinden von Borgströms Musik aus dem Konzertrepertoire hat nichts mit der Qualität der Musik, sondern einem herrschenden Missverhältnis zwischen dem Komponisten und den vorherrschenden Strömungen der norwegischen Musik zu tun.“ Er kam 1887 der Studien wegen nach Leipzig und blieb bis 1903. Als begeisterter Anhänger einer neuen deutschen Symphonik verzichtete Borgström aber weitgehend auch nach seiner Rückkehr nach Kristiana auf ein ausgeprägtes nordisches Idiom, liebte dafür spätromantisch geprägte Programmmusik.

Eldbjørg Hemsings Einsatz für das vergessene Werk ist zu begrüßen. In unserer was den Geschmack und „Wert“ von Musik generell weitaus offeneren Zeit anlangt, geht es ja nicht mehr so sehr um Originalität oder kulturpolitisch motivierte Moden. „Nach dem ersten Weltkrieg verlagerte sich der künstlerische Fokus von der deutschen auf die französische Kultur“, listet Tomas Block in seinem Aufsatz zu Recht als eine der Ursachen des Verschwindens der Musik von Borgström aus den Konzertsälen. Der heutige Musikfreund darf sich bisweilen ohne schlechtes Gewissen an gut gearbeiteten, durchaus der Unterhaltung dienenden Stücken erfreuen, besonders wenn sie so ansprechend musiziert sind wie im vorliegenden Fall.

Was das berühmte erste Violinkonzert Shostakovich‘ anlangt, so sind die dramatischen Umstände rund um dessen Fertigstellung Legion. Kurz vor Vollendung der Partitur fasste das Zentralkomitee der KPdSU den unsäglichen Beschluss gegen „Formalismus und Volksfremdheit“ in der Musik vorgehen zu wollen. Shostakovich und andere wurden mit „formalistischen Verzerrungen und antidemokratischen Tendenzen, die dem Sowjetvolk und seinem künstlerischen Geschmack fremd sind“, konfrontiert. Das Violinkonzert bleib daraufhin bis auf weiteres tabu. Das viersätzige, 1955 erstaufgeführte Konzert ist heute das rechte Vehikel, um das Können Eldbjørg Hemsings in all ihrer Bandbreite zu dokumentieren. Ob die elegische Nocturne, das virtuos vertrackt schwierige Scherzo, die atemberaubende Solokadenz im dritten Satz oder die zwischen ausgelassener Euphorie und Verzagtheit taumelnde Burlesque mit ihrem tänzerischen Sog, allem vermag Hemsing den jeweils adäquaten Ton zu leihen. Ein gemeinsamer Triumph von Shostakovich originärer Schaffenskraft und der Ausdruckskraft der jungen Interpretin, die dieses musikhistorische Monument für unsere heutigen Hörer in bewegende Töne übersetzt. Die in Bestform aufspielenden Wiener Symphoniker geben eines jenes (leider seltenen) großartigen Lebenszeichen auf Tonträgern, das es als eines der führenden Orchester in Mitteleuropa ausweist. Olari Elts ist ein Glücksfall an musikantischer Intuition und präziser kompositorischer Sachwalterschaft.

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